Sorben entsetzt über Entscheidung der SPD-Antragskommission

Sorben entsetzt über Entscheidung der SPD-AntragskommissionBautzen / Budyšin, 22. Juni 2017. Marko Kuring, Mitglied im SPD-Ortsverein Bautzen/Budyšin, ist entsetzt: Die Forderung des Ortsvorstands, im Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl 2017 wichtige aktuelle und existenzielle Belange der sorbischen/wendischen Bevölkerung in der Lausitz zu berücksichtigen, wurde von der Antragskommission zur Ablehnung auf dem außerordentlichen SPD-Bundesparteitag, der am Sonntag, dem 25. Juni 2017, in Dortmund stattfindet, vorgeschlagen. In einer dem Bautzner Anzeiger vorliegenden E-Mail verweist er darauf, dass offenbar "die existenziellen Belange der sorbischen/wendischen Bevölkerung in der Lausitz der SPD gleichgültig sind. Der CDU und der LINKEN sind sie es nicht!" Kuring bitte seine Genossen Einfluss zu nehmen, dass dieser Antrag nicht abgelehnt wird.

Offener Brief: Bitte um deutschlandweite Solidarität

Konkret hat die SPD-Antragskommission abgeschmettert (siehe Abbildung):

  1. Die sorbische/wendische Sprache ist maßgeblich für die Identitätsbildung und die Stärkung des sorbischen/wendischen Volkes in der Lausitz. Der Schutz, die Anwendung und Verbreitung der Sprache muss unterstützt werden.

  2. Das Abbaggern sorbischer/wendischer Siedlungsgebiete muss gestoppt werden. Vor Erschließung oder Erweiterung eines Braunkohletagebaues in der Lausitz ist die Auswirkung auf das sorbische/wendische Volk umfassend zu prüfen.
Die Arbeit der Antragskommission erschien schon im Jahr 2014 den Dortmunder Jusos nicht ganz koscher, sie wollten damals "einen Antrag schreiben, der die Antragskommission an ihre eigentliche Aufgabe erinnert".

Die ablehnende Entscheidung der Antragskommission hat den renommierten sorbischen Schriftsteller und Publizisten Benedikt Dyrlich zu nachstehendem Offenen Brief veranlasst:

Verehrte Freunde und Mitstreiter, Genossinnen und Genossen!

Das Entsetzen und die Aufforderung meines sorbischen SPD-Mitstreiters Marko Kuring aus Bautzen/Budyšin teile ich: Die Ablehnung der Antragskommission eines Antrages unseres SPD-Ortsvereins an den SPD-Bundesparteitag in Dortmund ist engstirnig und überheblich (siehe weiter unten!!).

Ich bitte auch im Namen des SPD Arbeitskreises "Sorben/Wenden", den wir Anfang März im Kreisverband Bautzen ins Leben gerufen haben, dringend, dass die Delegierten aus Sachsen und Brandenburg am Sonntag sich zu Wort zu melden und die Ablehnung der SPD-Antragskommission zu kippen (versuchen). Ich bitte die Genossinnen und Genossen sowie Kolleginnen und Kollegen aus Kultur und Kunst deutschlandweit um Solidarität mit dem Anliegen zum Schutz und Stärkung der (akut bedrohten) sorbischen Sprache sowie zum Erhalt der (noch lebendigen und weltweit einmaligen) sorbischen bzw. deutsch-sorbischen Sprach- ,Kultur- und Lebensräume in Sachsen und Brandenburg.

Die Ablehnung des Antrages ist "ein Schlag ins Gesicht" allen, die sich seit Jahren an der Basis für die sorbische Sprache engagieren, für ein gutes und vernünftiges Verhältnis zwischen Sorben und Deutschen (nicht nur in der SPD), für kulturelle Vielfalt und Toleranz, vor allem aber für Minderheitenrechte insgesamt. Es ist zudem "Wasser auf die Mühlen" derer, die der SPD immer wieder vorhalten, dass sie sich – wenn es darauf ankommt – den Mächtigen in der Wirtschaft blind unterwirft.

Die Ablehnung des Bautzener Antrages lässt vermuten, dass in bestimmten Verantwortungsbereichen unserer Partei auch Minderheitenpolitik keine Chance mehr hat, wenn es um Interessen der (großen) Wirtschaft geht.

Ich will daran erinnern, warum 1989 und 1990 etliche von uns u.a. von der Straße, der Werkbank, dem Schreibtisch usf. beherzt in die SPD und Parlamente gegangen sind:

Auszug aus dem Grundsatzprogram der SPD (West) vom 20.12.1989:

Alle Menschen haben ein Recht auf ihre Heimat, ihr Volkstum, ihre Sprache und Kultur. Ein Volksgruppenrecht, das im Einklang mit den Menschenrechten der Vereinten Nationen steht, ist unentbehrlich.

Wir wollen keine von ökonomischen Interessen manipulierte Kultur, nicht die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, sondern eine Wirtschaft, die sich in eine Kultur des Zusammenlebens einfügt.

Kulturelle Vielfalt bereichert uns. Daher wollen wir alles tun, was Verständnis, Achtung und Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Nationen und Kulturen fördert, Integration und Teilhabe ermöglicht.


Benedikt Dyrlich
Schriftsteller, Publizist,
u.a. Mitglied PEN-Zentrum Deutschland, 1. Sprecher im Arbeitskreis „Sorben/Wenden“ im SPD-Kreisverband Bautzen

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  • Quelle: red | Bildquelle: red
  • Zuletzt geändert am 22.06.2017 - 18:09 Uhr
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