Brückepreis an Daniel Libeskind

Görlitz, 28. Oktober 2018. Von Thomas Beier. Das ist zu wenig: Dem heimatlichen Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) war es gestern einen Beitrag im Sachsenspiegel, aber nicht in den Hauptnachrichten wert, auch, wo man angeblich in der ersten Reihe sitzt: Fehlanzeige, dafür Infotainment. Das wird dem Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec, der vorgestern an den Architekten Prof. Daniel Libeskind verliehen wurde, nicht gerecht.

Abbildung oben, von links: Bürgermeister Rafał Gronicz, Prof. Dr. Willi Xylander, Dr. Michael Wieler und Prof. Daniel Libeskind beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Görlitz

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Libeskind, der Zukunft ohne Vergessen baut

Libeskind? Ja, einer dieser Star-Architekten wie der Engländer Sir Norman Foster, der es ermöglicht hat, dass die Deutschen ihrem Parlament auf's Dach steigen. Doch Libeskind, der Pole, der Jude, der US-Amerikaner, fällt unter den Architekten dieser Welt auf, weil er erinnert und konfrontiert.

Offen gesagt habe ich Architektur nach Le Corbusier aus den Augen verloren – bis Libeskind sich des Dresdner Armeemuseums annahm (das dann 2011 als Militärhistorisches Museum der Bundeswehr wiedereröffnet wurde) und einen Keil – einem Traditionsbruch gleich – in das klassizistische Gebäude jagte. Wow, ein Militärmuseum, das sich von Militarismus abgrenzt und sogar ein wenig nach Pazifismus riecht, das war wirklich neu. Erst später erlebte ich das 2011 eröffnete, von Libeskind konzipierte Jüdische Museum in Berlin – ja, Architektur zum Erleben.

Zur Verleihung Brückepreises haben honorige Leute wirklich gute Reden gehalten – von der Begrüßung durch Prof. Dr. Willi Xylander, Präsident der Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz-Zgorzelec, über Dr. Michael Wieler, Görlitzer Bürgermeister in Vertretung des Oberbürgermeisters Siegfried Deinege, und Rafał Gronicz, den wieder wiedergewählten Zgorzelecer Bürgermeister, bis hin zum sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und zu Krzystof Bramorski, den Bevollmächtigten für Auslandskontakte des Marschalls von Niederschlesien, sowie zu Prof. Monika Grütters, MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien.

Einen besonderen, wenn nicht sogar hintersinnigen Glanz gaben der Verleihungsveranstaltung aber die Schüler der Zgorzelecer Musikschule. Erst waren die Gebrüder Walter und Wiktor Nowak (Flügel und Trompete) der von ihnen einzuleitenden Veranstaltungseröffnung für einige Minuten absent geblieben und erschienen erst, als Prof. Dr. Xylander die Situation retten wollte – um ihm mit einem Trompetenstoß gleich wieder die Bühne zu entziehen. Leben kann so menschlich sein...

Joanna Lewicka, die mit Bravour auf dem Akkordeon Astor Piazollas "Rio Sena" aufführte, dürfte recht aufgeregt gewesen sein, galt Liebeskind, der auch Musik studiert hat, doch in jungen Jahren als Wunderkind am Akkordeon. Ebenfalls ein Fingerzeig dürfte gewesen sein, was Michał Karnaś auf dem Flügel spielte: Wojciech Kilars Polonaise aus dem Film "Pan Tadeusz" des polnischen Meisterregisseurs Andrzej Wajda, der in der polnischen Heimatarmee kämpfte und dessen Vater zeitgleich zu Katyn in Charkow umgebracht wurde.

Dass Daniel Libeskind den Brückepreis entgegennehmen konnte, hat er vor allem einem Zufall zu verdanken: Seine Eltern entgingen dem Holocaust. Man muss Libeskind nicht insgesamt verstehen, es reicht schon ein bisschen.

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  • Quelle: red | Foto Eintrag Goldenes Buch: Matthias Wehnert, Foto Akkordeonspielerin: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 27.10.2018 - 22:13Uhr | Zuletzt geändert am 29.10.2018 - 15:51Uhr
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