Politische Gefangene der "DDR" und ein Wärter in ZDF

Politische Gefangene der "DDR" und ein Wärter in ZDFCottbus / Chóśebuz, 16. März 2022. Kommt die Rede auf das Zuchthaus Cottbus, dann melden sich immer wieder mal oberschlaue Anhänger linken Gedankenguts, es hätte in der "DDR" ja gar keine Zuchthäuser gegeben, sondern nur Strafvollzugsanstalten oder später Strafvollzugseinrichtungen. Dennoch waren in der Ostzone besonders die politischen Häftlinge Zuchthausbedingungen – etwa durch harte Zwangsarbeit und erschwerte Haftbedingungen – ausgesetzt.

Abb.: Jörg Beier (1946 – 2021) verbrachte seine Haftzeit auf dem Chemnitzer Kassberg und im Zuchthaus Cottbus. Nachdem der Verdacht auf Vorbereitung der Republikflucht sich schnell als falsch herausgestellt hatte, wurde eine Anklage wegen staatsfeindlicher Hetze zusammengezimmert. Zu den Vorwürfen gehörte, Kafka, Hesse oder etwa Sartre gelesen zu haben – Autoren, die während der Haft in der Gefängnisbibliothek verfügbar waren, weil das SED-Regime seine Kulturpolitik inzwischen wieder einmal geändert hatte. Der Verhaftung war zunächst ein mehrtägiges Verschwindenlassen ohne jede Nachricht für die Angehörigen erfolgt.
Foto: © BeierMedia.de
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"Wir wollten nur raus" – DDR-Häftlinge kämpfen gegen das Vergessen und die Verharmlosung der Diktatur

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Nachbau einer überbelegten Gefängniszelle duch die Künstler Jörg Beier und Guido Kuhn

Thema: Menschenrechte

Menschenrechte

Menschenrechte sind weltweit Thema. Die Erinnerung an die "sozialistische Rechtsprechung" und das SED-Unrecht sowie die vorangegangene Nazi-Diktatur mahnen, auch in Deutschland Menschenrechte und Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern immer wieder dafür einzutreten.

Zuchthaus bedeutet etwa, neben dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte besonders harten Arbeitsbedingungen bei der Zwangsarbeit ausgesetzt zu sein. Das war in Cottbus zweifelsohne in der hochgradig ausbeuterischen Praktica-Produktion für den VEB PENTACON Dresden der Fall.

Zu teils hohen Haftstrafen wurden die Cottbuser Häftlinge aus unterschiedlichen Gründen verurteilt, wegen Vorbereitung zur oder versuchter Republikflucht etwa oder weil sie Fluchthelfer waren, oft auch wegen staatsfeindlicher Hetze anhand zusammengezimmerter Anklagen und erpresster Geständnisse. Immer wieder ging es darum, abschreckende Exempel zu statuieren.

Das ZDF lässt bei 37° am 22. März 2022 drei politische Häftlinge, die in Cottbus einsaßen, zu Wort kommen. Vor Vorbereitung wurde fast ein ganzes Jahr lang in Cottbus und privat bei den Zeitzeugen gedreht. Das Menschenrechtszentrum Cottbus – über diesen Verein haben die ehemaligen Gefangenen ihr eigenes Gefängnis gekauft, ein weltweit wohl einmaliger Vorgang – bedankt sich sehr herzlich bei Katrin Lindner vom ZDF. Sie habe sich diesem Thema mit vollem Herzen gewidmet und sei einfühlsam mit dem Leben der Betroffenen umgegangen.

Das sind die drei Protagonisten:


    • Als die Familie von Peter Keup 1975 einen Ausreiseantrag stellt, beginnt für den damals 16-Jährigen eine schwierige Zeit. Er wird von der Erweiterten Oberschule (EOS, heute Gymnasium genannt) verwiesen: kein Abitur, kein Studium. Man übt Druck auf ihn aus, er soll sich vom Ausreiseantrag der Familie distanzieren. Sechs Jahre kann er dies ertragen, dann will er über Ungarn fliehen und wird festgenommen. Er landet im Cottbuser Knast, wird 1982 freigekauft und kann zu seiner Familie nach Essen ausreisen.

      Nach Mauerfall und Wiedervereinigung stellt er nach Jahren fest, dass nicht nur sein Bruder für die Staatssicherheit gearbeitet hat, sondern auch Onkel und Tanten. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung ändert Peter Keup sein Leben: Mit 54 Jahren verkauft er seine Tanzschule in Essen und beginnt, Geschichte zu studieren. Er versteht nicht, dass es noch immer Menschen gibt, die den Jahrestag der "DDR"-Gründung feiern und auf die guten Seiten der "DDR" verweisen. Er will sich dieser Verklärung der "DDR"-Geschichte entgegenstellen.

    • Burkhardt Aulich ist noch heute schwer traumatisiert durch seine Erfahrungen mit dem DDR-Regime. Seine damaligen Versuche, sich anzupassen, scheiterten immer wieder. Schließlich entziehen ihm die "DDR"-Behörden ihm den Personalausweis. Nach einem gescheiterten Republik-Fluchtversuch landet Burkhardt im Zuchthaus Cottbus, wo er von 1977 bis 1978 inhaftiert ist.

      Heute engagiert sich Burkhardt Aulich in Cottbus, weil er Geschichte nicht den Historikern überlassen will. Für ihn geht es um die Frage, was man aus der Vergangenheit gelernt hat. Und was getan werden kann, damit so etwas nie wieder passiert.

    • Wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter muss Margot Rothert ihre Haftstrafe im Zuchthaus Cottbus antreten, ihr Kind wird zur Adoption freigegeben. Geschwächt durch die Geburt, ohne medizinische Versorgung und hohem psychischen Druck ausgesetzt wird sie dennoch zur Zwangsarbeit eingeteilt. Erst nach 33 Jahren trifft sie ihre Tochter wieder.

      Margot Rothert gewinnt nach der Wiedervereinigung Deutschlands einige Gerichtsprozesse mit Bezug zur politischen Verfolgung in der "DDR". Heute berät sie Menschen, die unter dieser Verfolgung gelitten haben.

Zu Wort kommt auch ein ehemaliger Bediensteter des Gefängnisses. Einige der früheren Angestellten haben sich in die Umgestaltung des Zuchthauses zur Gedenkstätte eingebracht. Die Erinnerungen der Gefangenen an ihren Aufenthalt in Cottbus sind unterschiedlich.

Angucken!
ZDF, Dienstag, 22. März 2022, 22.15 Uhr

Menschenrechtszentrum Cottbus aktuell:
Weißwasseraner Anzeiger vom 16. März 2022: Zweiter Hilfstransport für Kinderkrankenhaus in Odessa noch diese Woche

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  • Quelle: red | Fotos: © BeierMedia.de / Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 16.03.2022 - 10:31Uhr | Zuletzt geändert am 23.01.2023 - 11:42Uhr
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