Bautzen braucht völlig neue Ansätze

Bautzen / Budyšin, 6. Oktober 2016. Von Thomas Beier. Für naive Gemüter ist es der einfachste Weg, sich politisch zu polarisieren: entweder möglichst weit nach links oder eben nach rechts. Auf diese Weise entgeht man den Widersprüchlichkeiten des Daseins am allerbesten und fühlt sich dabei noch so richtig gut, weil ja alles ganz einfach und klar ist - und die anderen blöd. Dass man auf diese Wiese auch leicht zu manipulieren ist, sei am Rande erwähnt. Für den morgigen Freitagabend haben nun Gruppierungen Demonstrationen in Bautzen angemeldet. Offenbar wird die Stadt als Spielwiese angesehen, um es "den anderen" mal zu zeigen, nicht etwa als Ergebnis von Nachdenken und Lösungssuche, sondern wohl vor allem als Demo-Tourismus und Freizeitbeschäftigung. Es ist eine alte Weisheit aus der Organisationslehre: Teile Menschen in Gruppen ein und schon geraten sie in Konkurrenz und bekämpfen die anderen Gruppen mit allen Mitteln, selbst bei identischen Zielen. Am heutigen Vortag der Demonstrationen hat der Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens das nachstehende Statement veröffentlicht.

Statement des Bautzener Oberbürgermeisters Alexander Ahrens

Oberbürgermeister Ahrens: "Diesen Freitag soll Bautzen wieder als Aufmarschfläche für Demonstrationen von rechter und linker Seite benutzt werden. Als Oberbürgermeister der Stadt Bautzen kann ich diesen – ich nenne sie "Stellvertreterdemonstrationen" – nichts abgewinnen.

Das Grundgesetz schützt die Versammlungsfreiheit als hohes Gut unserer Demokratie völlig zu Recht. Allerdings ich finde es unerträglich, dass erneut Bautzen als Spielweise für unsägliche Parolen und gegenseitige Beschimpfungen herhalten soll. Viele Bautzenerinnen und Bautzener, mit denen ich in den zurückliegenden Tagen ins Gespräch gekommen bin, sehen das ebenso. Ich werde daher keinen Aufruf zu irgendwelchen Demonstrationen, seien sie auch gut gemeint, an diesem Tag unterstützen.

Bautzen braucht hier völlig neue Ansätze. Die üblichen Lichterketten und Gegendemonstrationen sind dabei – wenn auch ein gutes Ziel verfolgend – aus meiner Sicht kein brauchbares Mittel mehr. Auch ich habe noch kein Patentrezept, wie wir als Stadt und als Bautzener künftig damit umgehen. Eines erhoffe ich mir aber: Dass die Bautzener geschlossen zeigen, dass sie sich ihre Stadt und ihre Plätze nicht wegnehmen lassen werden.

Für Anregungen oder Diskussionen dazu, in welcher Form wir eine solche Antwort der großen Mehrheit der Bautzener Bevölkerung geben können, bin ich offen und freue mich deshalb über Vorschläge…"


Kommentar:

Zu befürchten ist, dass die große Mehrheit der Bautzener Bevölkerung noch immer eine schweigende, zumindest aber viel zu leise ist. Vielleicht wäre das der erste Schritt für jeden einzelnen Bürger, jede Bürgerin, die den Krawall auf der Straße nicht wollen: Sich zu artikulieren, im Gespräch, in den sozialen Netzwerken, in der Presse jedweder menschenfeindlicher und naiver Argumentation noch viel massiver entgegenzutreten. Wer sollte das besser können als wir mit unserer deutschen Geschichte?

Wer heute glaubt, auf der Straße demonstrieren zu müssen, sollte sich an die Kultur der Friedlichen Revolution erinnern, als sich die gestaltungswilligen Kräfte an Runden Tischen zusammenfanden, um Lösungen für drängende Probleme anzugehen. Miteinander zu reden ist allemal besser, als das beliebte "ein Zeichen setzen" - die Standpunkte sind klar und müssen nicht noch weiter auf Demonstrationen verhärtet werden. Es geht vielmehr darum, die tatsächlichen Probleme von den vermeintlichen zu trennen und dann zu bearbeiten.

Das geht nur im gesellchaftlichen Diskurs und nicht auf der Straße,

meint Ihr Thomas Beier

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