Eine neue Spreebrücke: nicht ohne weiteres

Eine neue Spreebrücke: nicht ohne weiteresBautzen / Budyšin, 25. September 2019. Soll sich was verändern, schlagen die Wellen gewöhnlich hoch. Oft sieht eine Mehrheit in jeglicher Veränderung des Status quo ein Gefahr. So auch bei der Frage, ob Bautzen eine weitere Brücke über die Spree bekommen soll.
Vom Parkplatz Schliebenstraße über die Spree zur Ortenburg (Abbildung) und weiter in die Altstadt und die City – der Gedanke hat seinen Reiz

Pro und kontra und viele Fragen

Nachdem sich der verabschiedete Stadtrat in seiner letzten Sitzung zu dem Projekt bekannt hat, war es um das Thema in der Öffentlichkeit zuletzt ruhig geworden. Währenddessen liefen weitere Voruntersuchungen. In der Stadtratssitzung vom 25. September 2019 informierte die Stadtverwaltung über den aktuellen Stand – und lieferte damit prompt die Grundlage für das Aufflammen der Diskussion.

Was bisher geschah

Im Jahr 2017 entwickelte sich der politische Wille, die Idee einer neuen Spreebrücke an der Ortenburg wieder aufzugreifen. Die TU Dresden wurde mit einer Gestaltungsstudie beauftragt. Die sollte das Vorhaben sichtbar machen: die neue Brücke als Zugang zur Ortenburg, der am erweiterten Parkplatz an der Schliebenstraße seinen Ausgangspunkt hat. Außedem könnten auf der Protschenbergseite eine Bürgerwiese und ein Pavillon für Touristen entstehen.

Indem das Institut für Massivbau eingebunden wurde, sollten die Vorstellungen einer filigranen Fußgängerbrücke weiterentwickelt werden. Sechs Studienbelege und eine Diplomarbeit entstanden in diesem Zusammenhang. Schließlich wurden die Arbeiten einer Jury vorgestellt und die beiden besten Ergebnisse gewürdigt. Diese Ergebnisse wurden zur Grundlage für die öffentliche Debatte sowie für weitere interne Arbeitsprozesse.

Was sagen die Gutachter?

Ein Jahr lang wurden die Pflanzen und Tiere beobachtet, die von dem Bauvorhaben betroffen wären. Ergebnis war ein Artenschutzgutachten, aus dem hervorgeht, dass bei der Realisierung des Projekts Ausgleichsmaßnahmen im normalen, also üblichen Umfang zu leisten wären.

Außerdem wurde ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, damit die Überbaubarkeit von privaten Grundstücken bewertet werden kann. Nicht zuletzt wurde mit einem Baugrundgutachten die Beschaffenheit des Baugrundes auf beiden Uferseiten bewertet.

Was sich aus der technischen Machbarkeitsstudie ergibt

Um das Projekt überhaupt weiterverfolgen zu können, wurde eine technische Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Zunächst wurde der Baugrund auf dem Protschenberg und an der Ortenburg untersucht. Ergebnis: Der Baugrund auf der Protschenberg-Seite ist geeignet; weitaus komplizierter hingegen ist die Baugrundsituation auf der Ortenburg, wo er weniger massiv ist als erwartet, sprich: der Bauaufwand wäre höher. Hinzu kommt, dass auf der Ortenburg mit höchtwahrscheinlich archäologische Grabungen anstünden, ehe gebaut werden kann.

Auf jeden Fall würde der Brückenbau keine simple Angelegenheit werden. Die Realisierung als Spannbandbrücke gilt noch immer als Favorit. Technisch wirft das eine Menge an Fragen auf, so zur Schwingungsanfälligkeit und zur Durchbiegung. Hinzu kommt beispielsweise die Gefälleüberwindung zwischen den Uferseiten, schließlich soll die Brücke barrierefrei – also ohne Stufen – passierbar sein. Der Regenwasserabflusses, die Beheizung bei Frost und der Unterhaltungsaufwand samst der damit verbundenen Kosten bleiben noch immer die großen Fragezeichen zu diesem Vorhaben.

Die Ausführung einer solchen Brücke gilt Pilotprojekt, weshalb eine verlässliche Kostenkalkulation aktuell nicht machbar ist. Verglichen wurden wurden Brücken unterschiedlicher Konstruktionsweisen, woraus nur ein ungenaues Kostenspektrum ab rund einer Million Euro abgeleitet werden konnte – nach oben offen. Noch gar nicht eingeflossen sind dabei die weiterhin notwendigen Voruntersuchungen oder Rahmenprojekte wie die mögliche Bürgerwiese und der Pavillon.

Herausforderungen ohne Ende

Ein Problem sind die Eigentumsverhältnisse auf der Ortenburg. Der Burghof befindet sich im Eigentum des Freistaates Sachsen, ein Teilbereich ist an den Landkreis Bautzen verpachtet. Weil die Brücke an das öffentliche Straßennetz anzuschließen wäre, müsste das öffentliche Wegerecht über den Ortenburghof gewährleistet werden, was erheblichen Unterhaltungsaufwendungen mit sich brächte.

Pro und kontra

Politische Akteure haben bereits in einer frühen Phase der Beschäftigung mit dem Projekt ihre Unterstützung signalisiert, so auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Die Gespräche mit Ämtern und Behörden verliefen mehrheitlich wohlwollend. Allerdings können abschließende Bewertungen wegen des frühen Planungsstadiums jetzt noch nicht erwartet werden. Und die Bautzener Bürger? Die sehen das Vorhaben wohl eher mit gemischten Gefühlen. In einer Bachelorarbeit zeigte sich, dass tourismusrelevante Akteure in der westlichen Altstadt der Brücke überwiegend zustimmen.

Parkplatz Schliebenstraße

Teil des Gesamtkonzeptes ist auch die Vergrößerung des vor allem von Touristen genutzten Parkplatzes. Das soll auch dann weiter verfolgt werden, wenn die Brückenbaupläne zu den Akten gelegt werden. Der entsprechende Aufstellungsbeschluss wurde durch den Stadtrat bereits gefasst, auch die notwendige Kampfmitteluntersuchung ist abgeschlossen. Die Ergebnisse der Baugrunduntersuchung und die der Vermessung sollen im Oktober 2019 vorliegen, die schalltechnische Untersuchung bis Jahresende erbracht sein. Danach müssen die Planungsleistungen europaweit ausgeschrieben werden.

Wie weiter?

Die bisherigen Voruntersuchungen konnten nur bedingt Fakten für einen Grundsatzbeschluss liefern. Weitere Informationen in Bezug auf die Konstruktion, die Baukosten sowie den Unterhaltungsaufwand können aber erst dann vorgelegt werden, wenn die Vorplanung bzw. Entwurfsplanung durchgeführt ist. Dies bedarf der erwähnten europaweiten Ausschreibung. Für diese Ausschreibung und die Honorare für die Planungsleistungen sind 300.000 Euro im Bautzener Haushalt veranschlagt. Damit kann jedoch voraussichtlich nur die Entwurfsplanung bezahlt werden. Für die weitere Planung und für die Umsetzung des Vorhabens sind bislang keine Mittel im Haushalt eingestellt. Rechtlich betrachtet wäre dies jedoch die Voraussetzung dafür, um mit der Vergabe von Planungsleistungen zu beginnen.

Zum weiteren Verfahren zum Brückenbauvorhaben soll in den nächsten Wochen zwischen der Verwaltung und den Stadträten beraten werden. Nun ist auch zu klären, ob alle ursprünglichen Planungsparameter wie beispielsweise die Breite der Brücke, der Neigungswinkel und die Barrierefreiheit unverrückbar feststehen oder ob die Projektidee grundsätzlich weiterentwickelt werden kann. "Eine Antwort auf diese Frage kann die Verwaltung nur gemeinsam mit dem Stadtrat geben, wobei auch eine vorgeschaltete Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger vorstellbar ist", war aus dem Bautzener Rathaus zu vernehmen.

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  • Quelle: red | Foto: © Bautzner Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 25.09.2019 - 19:13 Uhr
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