Industrie, wie es sie heute nicht mehr gibt

Industrie, wie es sie heute nicht mehr gibtBautzen / Budyšín, 23. Oktober 2020. Von Thomas Beier. Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit zeigte es sich wieder: Die heute etwas ältere Generation in Ostdeutschland hätte es ganz gern, wenn ihre zu "DDR"-Zeiten erbrachte Lebensleistung besser anerkannt würde. Die andere Seite: Warum wird die Erfahrung aus zwei politischen und Wirtschafts-Systemen kaum in die Waagschale geworfen? Warum wird jenen das Feld überlassen, die aus jedem Mückenmord eine mit Bravour bestandene Großwildjagd machen?

Wenn Maschinen erzählen könnten: Die alte Kärger hat viel erlebt. Im acht Tage vor Kriegsende zerstörten und schon ab Pfingsten 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht demontierten als G. Kärger Fabrik für Werkzeugmaschinen AG firmierenden Werk wurden nach 1945 dem Bedarf der Zeit entsprechend zunächst Steinputzmaschinen, Dachziegelpressen und Mechanikerdrehbänke hergestellt. 1949 enteignet wurde es als VEB Berliner Werkzeugmaschinenfabrik fortgeführt, die schließlich als einer der 25 Kombinatsbetriebe in das VEB Werkzeugmaschinenkombinat 7. Oktober Berlin eingegliedert wurde.

Foto: © BeierMedia.de

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Zigarrenrauchen als Job und mehr aus der Welt des Sozialismus

Seine Vergangenheit kann man nicht abschütteln, dennoch aber nutzen. Wer etwa in der “DDR”-Industrie seine Berufsleben startete, hat nicht nur etwas zu erzählen, sondern – mit allen Vor- und Nachteilen – eine Sozialisierung im Arbeitsleben erlebt, wie es sie heute nicht mehr gibt. Immer wieder sind es auch Technologien, die heute so nicht mehr anzutreffen sind. Schon legendär sind die beiden Herren im früheren Zeiss-Kombinat in Jena, zu deren Arbeitsaufgabe es gehörte, Zigarren zu rauchen, um mit der Asche in aller Ruhe Linsen von Hand zu polieren. Den Funktionären war das freilich ein Dorn im Auge, doch die von beiden erreichte Qualität schaffte keine Maschine.

Anstelle "DDR-Industrie" passt allerdings der Begriff "alte Industrie" besser, immerhin funktionierten ganze Abteilungen noch mit Technik und Technologien aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. So wurden im Feinoptischen Werk Görlitz Drehteile an Maschinen aus der Kaiserzeit hergestellt, eine Exemplar "G. Kärger Berlin O 17" (Abbildung) von vermutlich 1914 gehört heute, wenn auch in einer Ecke versteckt, zum Bestand der "Optisch-mechanischen Sammlungen Thomas Beier". Für Görlitzer Lokalpatrioten interessant: Die Görlitzer Maschinenbauanstalt und Eisengießerei AG – heute Siemens – lieferte in den Jahren 1893 und 1898 je eine Dampfmaschine an die "Fabrik von Werkzeug-Maschinen" von Gustav Kärger im Berliner Friedrichshain.

Ein anderes Beispiel: Im VEB Sturmlaternenwerk Beierfeld wurden jene Petroleumlampen hergestellt, die nicht nur als Sicherheitsleuchten an Straßenbaustellen zu finden waren, sondern in vielen in Amerika gedrehten Western-Filmen nicht fehlen durften und bis zur Erfindung der Getränkedose mindestens halb Afrika erleuchteten. Was die Getränkedose veränderte: Für eine mit Petroleum gefüllte Getränkedose reichen Dochthalter und Docht, um Licht zu erzeugen – der Export nach Afrika brach ein. Der Werkzeugbau des Sturmlaternenwerks war Ende der 1970er Jahre auf einem technologischen Stand, der sich vierzig Jahre lang kaum weiterentwickelt hatte: Zur modernsten Ausrüstung gehörten damals Drehmaschinen aus der Moskauer Werkzeugmaschinenfabrik "Roter Proletarier".

Natürlich gab es auch modernere Produktionsstätten, so etwa das VEB Werkzeugmaschinenkombinat Fritz Heckert mit seinem Stammbetrieb in Karl-Marx-Stadt, das heute wieder Chemnitz heißt. Der Heckert-Stammbetrieb galt in den 1980er Jahren der größte europäische Werkzeugmaschinenhersteller, zumindest was die Gesamtfläche der teils durch ein bedienerloses Transportsystem verbundenen damals elf Hallen betraf. Produziert wurden unter anderem Bearbeitungszentren vor allem für das Fräsen und Bohren, wie sie beispielsweise in der Serienproduktion von Getrieben benötigt werden.

Gesteuert werden solche Maschinen oder Maschinensysteme von NC- oder CNC-Steuerungen. NC steht für “Numeric Control”, eine Ablaufsteuerung, für die Anfangs Lochbänder und später Magnetbänder als Speichermedien eingesetzt wurden. Bei CNC – Computer Numeric Control – übernahm dann wie noch heute ein Computer die Maschinensteuerung, was vielfältige Möglichkeiten etwa zur automatischen Positionskorrektur von Werkstücken oder zur Temperaturkontrolle eröffnete.

Der "DDR"-Maschinenbau war ein wichtiger Exportfaktor in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, wie das “kapitalistische Ausland” als Devisenherkunftsgebiet damals offiziell genannt wurden. Wie in vielen anderen Betrieben wurden zwei Qualitäten produziert: Einfacher ausgestattete oder leicht beschädigte Waren blieben im Inland, das Beste dagegen ging in Richtung Westen. Bei Heckert etwa wurden die Bearbeitungszentren für den Westexport mit leistungsfähigen Heidenhain-Steuerungen aus dem bayerischen Traunreut ausgerüstet, für das Inland müsste jene des Dresdner ROBOTRON-Kombinates ausreichen.

Abschließend muss angemerkt werden, dass die "DDR"-Industrie durch die Spezialisierungsstrategie des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW, im Westen COMECON genannt) erheblich an Vielfalt eingebüßt hatte. So musste, um einige Beispiele zu nennen, die Herstellung von Bussen zugunsten der IKARUS-Werke in Ungarn eingestellt werden, die Flugzeugindustrie wurde in der Sowjetunion konzentriert, ebenso ging die Produktion schwerer Lkw verloren.

Tipp:
Wer sich für die “alte Industrie” von der Gründerzeit bis 1990 interessiert, kommt um einen Besuch des Chemnitzer Industriemuseums, vermutlich eines der drei beliebtesten Reiseziele in Sachsen, nicht herum. Hier kann man außerdem entdecken, was aus den "DDR"-Fahrzeugmarken Trabant, Wartburg und ROBUR hätte werden können – ja, wenn und hätte.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 23.10.2020 - 13:24Uhr | Zuletzt geändert am 23.10.2020 - 15:53Uhr
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