Strukturwandel – und mein Beruf?

Strukturwandel – und mein Beruf?Bautzen / Budyšín, 28. Mai 2021. Der Strukturwandel in den Braunkohlerevieren ist auch in der Lausitz kein Selbstläufer. Sicher ist nur, dass die Strukturen der kohlebasierten Industrie verschwinden werden. Doch was kommt danach? Was wird aus den Beschäftigten in den Tagebauen, Kraftwerken und der Dienstleistungsunternehmen in deren Umfeld?

Abb.: Die Sachsen und ihre Könige, hier König Albert, verewigt im dankbaren Bautzen. Einem, der hernach als "König Kurt" in die Annalen einging, gelang es, über die wirtschaftlichen Umbrüche der 1990er Jahre hinweg auch in Bautzen die Grundlagen für den wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen

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Seine beruflichen Chancen muss man selbst gestalten

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Täuscht der Eindruck, dass alles, wofür es Fördermittel geben könnte, in den Braunkohlerevieren inzwischen mit dem Etikett "Strukturwandel" versehen wird? Schaut man sich etwa die Sächsischen Mitmach-Fonds an, die immerhin den Anspruch erheben, Ideen zu suchen, die "den Strukturwandel in den Braunkohleregionen ... positiv gestalten", so finden sich Projekte wie etwa die Gestaltung der Grünfläche vor einer Kita, die Vermittlung kostenlos bereitgestellter, weil unverkaufter Tickets für Kultur- und Sportveranstaltungen, ein Umsonstladen und etliche andere mehr. Sind das die neuen Wirtschaftsstrukturen, mit dem die insbesondere in den Braunkohletagebauen und Kraftwerken verschwindenden Arbeitsplätze ersetzt werden sollen?

Schon im Jahr 2019 hatte der damalige sächsische FDP-Vorsitzende Holger Zastrow als "Augenwischerei" bezeichnet, was andere als "Chancen für die Lausitz" verkaufen wollten. Chancen sind noch lange keine Ideen, Ideen sind keine Konzepte und Konzepte müssen realisiert werden, um Wirkung zu entfalten. Freilich ist es einfacher, auf Missstände hinzuweisen als Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen. Man muss nicht alles mittragen, was Zastrow damals von sich gegeben hat, auf jeden Fall hat er aber einige entscheidende Punkte angesprochen, wie man im Artikel vom 10. Februar 2019 im Weißwasseraner Anzeiger nachlesen kann.

Berufliche Orientierung finden

Die Umbruchsituation in der Wirtschaft verdeutlicht, was bei Entscheidungen zum Berufsweg und zur Karriere nicht unbedacht bleiben darf: Die fachliche Qualifikation sollte sich heutzutage stets an Bereichen orientieren, die nicht durch neue Technologien abgelöst werden oder in denen der Mensch nicht ersetzt werden kann. Den wohl größten Einfluss hat hier die Digitalisierung, die bereits ganze Berufsbilder von der klassischen Sekretärin – Stichwort "Schreibkraft" – bis zum Rundfunk- und Fernsehmechaniker oder gar Büromaschinenmechaniker hinweggefegt hat und dank dessen, was Künstliche Intelligenz genannt wird, in ungeahnte Bereiche vordringt. Schon werden Rechtsanwälte, Bankangestellte, Übersetzer, Sachverständige und andere mehr in ihrer Arbeit teils oder ganz durch Software ersetzt. Selbst sich sicher im Sattel wähnende Marketingfachleute verlieren ihre Jobs, wenn Unternehmen auf datenbasiertes Marketing umstellen. Schon im Jahr 2012 hatte Fritz R. Stänker einer als "beste sächsische Auszubildende" ausgezeichneten Fachangestellten für Bürokommunikation geraten, ihre Anstellung als Sekretärin bei der Stadtverwaltung Bautzen als Beginn und nicht etwa als Ende der beruflichen Entwicklung zu verstehen.

In all diesen beruflichen Umbrüchen scheinen jedoch zwei Berufsfelder weitgehend unantastbar oder sogar im Aufschwung: Es sind die Berufe auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien und – was manchen überraschen mag – ein bestimmter Typus von Handwerkern. Was ist damit gemeint?

Der kluge Handwerker

Zwar sind Handwerker momentan fast so knapp wie das Material, wer aber die "DDR" noch erlebt hat, kennt das ja, nur noch um ein Vielfaches drastischer als heute. Zwar scheint es vielen Handwerkern tatsächlich ein paradiesischer Zustand, wenn Kunden ihr Erscheinen herbeiflehen, aber als berufliches Ideal taugt das freilich nicht, wenn sich Handwerker wie kleine Götter aufführen. Der größte Mangel im Handwerksbereich besteht nicht in eigentlich gut ausgebildeten Leuten, sondern es fehlen die klugen, vielseitig qualifizierten und interessierten Handwerker.

Dem Kunden ist doch nicht geholfen, wenn die üblichen Sprüche wie "Wir machen das so, wie Sie das wollen!" und "Geht nicht, gibt’s nicht!" ertönen! Neben fachlicher Versiertheit brauchen Kunden Handwerker, die Bedürfnisse erkennen, selbst dann, wenn sie der Kunde selbst nicht formulieren kann. Viele Handwerker haben sich auf ein Selbstverständnis als Techniker zurückgezogen und selbst da haperts immer wieder mal. Richtig peinlich wird es, wenn Kunden besser informiert sind als Anbieter und die besseren Lösungen parat haben.

Wer sich aber als Handwerker auf die Traditionen aus einer Zeit, als von der Handwerkskunst die Rede war, besinnt, sich mit Menschenkenntnis, Gestaltung und zukunftsfähigen Lösungen beschäftigt, hat bei den steigenden Ansprüchen der Kunden die Nase vorn. Möglicherweise ist es genau dieser Ansatz, der Frauen als Inhaber von Handwerksbetrieben oftmals erfolgreicher macht als ihre Kollegen, die sich auf die rein handwerklichen Qualifikationen beschränken.

Informatiker werden immer gebraucht

"Die Industrie ernährt immer ihren Mann", hat früher so mancher Vater seinen Kindern zu bedenken gegeben, wenn es um die Berufswahl ging. Pustekuchen! Gerade in Mitteldeutschland sind seit 1990 ganze Industrien in kürzester Zeit verschwunden und dort, wo neue Arbeitsplätze entstanden, waren andere Qualifikationen gefordert, die am ehesten noch von den Jüngeren erworben werden konnten.

Dennoch: Informatik-Spezialisten sind immer gefragt, allerdings nicht unbedingt im strukturschwachen ländlichen Raum. Wer etwa Erfahrungen im SAP Bereich gesammelt hat, dem braucht um seine berufliche Zukunft nicht bange zu sein. Ganz egal, wo man zu Hause ist, im Hundert- Kilometer-Umkreis sollte sich ein passender Arbeitsplatz finden lassen.

SAP ist ein Softwarekonzern aus Baden-Württemberg, das Kürzel steht für "Systemanalyse Programmentwicklung" und beschreibt, worum es geht: Die Analyse betrieblicher Prozesse und deren Abbildung mit einer Software. Für den riesigen Erfolg der fünf Gründer, die 1972 starteten, sorgten drei damals revolutionäre Ansätze: Die SAP Software setzte auf
Bildschirmdialog statt Lochkarten,
Softwareentwicklungen im Kundenauftrag wurden als auch woanders einsetzbare Standardsoftware konzipiert und
die Standardsoftware wurde modular gestaltet.

Der letzte Punkt sorgte dafür, dass es für Unternehmen, die SAP beispielsweise in der Lohnrechnung oder Buchhaltung einsetzten bzw. einsetzen, naheliegend ist, auch weitere Bereiche wie etwa die Auftragsverwaltung, die Materialhaltung und die Rechnungslegung mit Software von SAP zu digitalisieren. Vorteil dabei: Alle Geschäftsbereiche operieren mit einer gemeinsamen und einheitlichen Datenbasis. Das Konzept, die Datenverarbeitung aus Kundensicht und als Abbild optimierter betrieblicher Prozesse zu denken, hat einen überaus erfolgreichen Softwarekonzern wachsen lassen, der im Jahr 2020 mit mehr als 100.000 Mitarbeitern über 27 Milliarden Euro Umsatz machte.

Folge dieser Entwicklung ist, dass im Mittelstand wie in Großbetrieben qualifizierte und erfahrene SAP Berater und SAP Programmierer – von der Konzeption über die Realisierung bis zur Nachbetreuung von Projekten – gesucht werden wie Sand am Meer. Um an einen der meist lukrativen SAP Jobs zu gelangen, reicht oftmals eine SAP Initiativbewerbung. Wer also seine berufliche Entwicklung gezielt in Richtung SAP Job lenkt und neben den fachlichen auch die weichen Faktoren wie das analytische Denken, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und zur situations- und personengerechten Kommunikation entwickelt, kann seine eigene erfolgreiche Karriere kaum noch verhindern.

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  • Quelle: TEB / Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 28.05.2021 - 10:09Uhr | Zuletzt geändert am 28.05.2021 - 11:05Uhr
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