Bautzener Leitbildentwicklung startet mit Sorben, Senf und Silbermond

Bautzener Leitbildentwicklung startet mit Sorben, Senf und SilbermondBautzen / Budyšin, 6. März 2018. Gestern hat die Stadt Bautzen ganz offiziell den öffentlichen Prozess zur Erarbeitung eines aktuellen Leitbildes begonnen. Leitbilder sollen Antwort auf die Frage geben "Wovon wollen wir uns leiten lassen?" und so Entscheidungen und die Definition von Zielen erleichtern. Das Bautzener Leitbild soll die Bereiche Zusammenleben, Wirtschaft, Soziales, Bildung, Kultur, Umwelt, Integration, Sicherheit, aber auch überregionale Einbindung, Oberlausitzer Städteverbund und Wachstumsregion abbilden. Am Prozess zur Erstellung des Leitbildes können sich Bürger aller Interessenslagen beteiligen, um ihre Wünsche, Ziele und Visionen für die Stadt Bautzen einzubringen.
Abbildung oben: Bautzen, die grüne Stadt

Gute Ausgangsbasis für die Spreestadt

Gute Ausgangsbasis für die Spreestadt

Identitätsstiftend: Das historische Bautzen. Reicht das aus?

Bautzen hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt: Die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ist überdurchschnittlich hoch und Bautzener Firmen erwirtschaften einen höheren Umsatz als Unternehmen in Dresden, Leipzig oder Görlitz. Bautzen hat daher eine der höchsten Einpendler-Quoten in Ostdeutschland, seit 2005 hat sich die Arbeitslosenzahl halbiert. Doch der demografische Wandel wirkt auch hier: Der Anteil älterer Menschen an der Stadtbevölkerung steigt. Daher sieht es die Stadtverwaltung als Hauptaufgabe der nächsten Jahre, die sinkende Einwohnerzahl ins positive zu drehen. Dazu will man vor allem die Zielgruppe der 18- bis 40-Jährigen verstärkt in der Region halten. Auch dazu soll das neue Leitbild die wichtigsten Visionen und Anregungen beschreiben.

Feedback der Vereine

Schon im November 2017 wurden rund 280 Bautzener Vereine befragt, etwa 40 meldeten sich daraufhin zurück, Ergebnis: Vereine sehen Bautzen als Hauptstadt der Sorben und als wirtschaftliches, geistig-kulturelles und gesellschaftliches Zentrum der Region. Identität definieren sie über die Altstadt, aber auch über das umfangreiche Vereinsleben. Konkret fordern sie mehr Attraktivität für junge Menschen, kinderfreundliche Arbeitgeber und mehr familienfreundliche Veranstaltungen.

Im Sinne eines nachhaltigen Klimaschutzes sollen die vorhandenen Grünflächen erhalten und ausgebaut werden. Auch die Idee einer essbaren Stadt, also beispielsweise das Anlegen von Gemüsebeeten im öffentlichen Raum, wurde mehrfach geäußert. Grundsätzlich wurde Stadtgrün als wesentlicher Bestandteil der Wohnqualität benannt. Auf dem Wunschzettel stehen zudem regelmäßige Diskussionsveranstaltungen zu städtischen Themen, ein Vereinshaus und eine autofreie Innenstadt. Viele der Vorstellungen sind sehr konkret und finden daher nicht unbedingt Einzug ins Leitbild; vielmehr dienen konkrete Maßnahmen und Ziele als Vorlage für das Integrierte Stadtentwicklungskonzept INSEK. Dieses Konzept baut auf den Leitbildprozess auf und fasst die Wünsche und Aufgaben konkreter.

Themenveranstaltungen

Jetzt im März 2018 starten die Themenveranstaltungen zum Leitbild 2030+. So geht es am 21. März zunächst um "Identität". Etwa hundert geladene Akteure aus allen gesellschaftlichen Schichten tauschen sich dann unter der Überschrift "Sorben, Senf und Silbermond – Wer sind wir, was macht uns aus?" aus. Am gleichen Tag wird es die Jugendideenkonferenz 4.0 zum Leitbild geben.

Steuerungsgruppe

Eine Steuerungsgruppe aus Stadträten, dem Oberbürgermeister und den beiden Bürgermeistern erarbeitet aus den Themenvorschlägen einen Vorentwurf des Leitbildes 2030+, der ab Juni 2018 in insgesamt acht offenen thematischen Foren diskutiert werden kann:
  1. Die vielfältige Stadt (Kultur und Sorben)
  2. Die prosperierende Stadt (Wirtschaft und Infrastruktur)
  3. Die generationengerechte Stadt (Senioren)
  4. Die lebenswerte Stadt (Vereine und Sport)
  5. Die bildende Stadt (Bildung und Weltoffenheit)
  6. Die sozial gerechte Stadt (Familien und Soziales)
  7. Die ökologische und partizipative Stadt
  8. Die integrierte Stadtregion (Tourismus und Region)
Diese moderierten Themenforen sind öffentlich und alle Bautzener Bürger sind von der Stadtverwaltung herzlich zur Diskussion eingeladen. Die Termine und Veranstaltungsorte werden zeitnah bekanntgegeben.


Kommentar:

Die meisten Leitbilder, die entwickelt werden, haben eine nur geringe Halbwertszeit. Oft wird bei ihrer Entwicklung alles falsch gemacht, was nur falsch gemacht werden kann:
  • pendelnd zwischen allgemeinen Visionen und Wunschzettel
  • keine Kombination der Denk- und Entwicklungssysteme
  • Grundziele und Strategien zur Entwicklung von Anziehungskraft unklar
  • Begriffe nicht definiert
  • wichtige Leitbildelemente fehlen
  • ungenügende Differenzierung von Stärkenausbau und Minimierung der Risiken
  • zu offensichtliche/starke "Vorgabe von oben"
  • zu starker Einfluss einzelner Interessengruppen
  • Motive der Akteure nicht einkalkuliert
  • kein Involvierungsprozess

Bautzen hingegen hat, so die vorliegenden Informationen, einen erfolgversprechenden Ansatz gewählt. Dennoch: Die Gefahr, dass zu allgemeine Wunschbilder dazu führen, keine realistischen Ziele ableiten zu können und zu wenig Orientierung bieten, gehört zu jeder Leitbildentwicklung. Das ist große Kunst: Einen möglichst breiten gemeinsamen Nenner zu finden, der allgemein akzeptiert wird, und trotzdem ein gestochen scharfes Leitbild zu zeichnen.

Es gibt gute Gründe, den Prozess zur Entwicklung des Leitbildes nicht als Eintagsfliege zu sehen: Das Leitbild einer Stadt ist heutzutage nicht mehr starr, sondern muss der Dynamik auch überraschender Entwicklungen folgen können. Immerhin befasst sich ein Leitbild mit einer Zukunft, die beim besten Willen niemand vorhersagen kann: Die seriöse Zukunftsforschung sieht spätestens nach 15 Jahren nur noch Nebel.

Praktisch bedeutet das, ein Leitbild immer wieder kritisch zu hinterfragen,

meint Ihr Thomas Beier


Thomas Beier ist Freiberuflicher Unternehmensberater und begleitet im Zuge der Organisationsentwicklung Leitbild- und Strategieprozesse unter anderem bei kommunalen Dienstleistern.

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  • Quelle: red | Kommentar: Thomas Beier |
  • Zuletzt geändert am 06.03.2018 - 06:59 Uhr
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