Von der deutschen Einheit zur deutschen Spaltung?

Von der deutschen Einheit zur deutschen Spaltung?Bautzen / Budyšin, 17. November 2021. Von Thomas Beier. Wir sind ein Volk! So stand es an der Berliner Mauer im Jahr 1990, nur hatte jemand nachträglich vor Volk "dummes" ergänzt. Heute hätte er vermutlich stattdessen "gespaltenes" eingefügt. Sind wir ein gespaltenes Volk?

Abb.: "Die Philosophin" von Markus Lüpertz im Bundeskanzleramt schaut verwundert auf ihr Land

Foto: © BeierMedia.de

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Die gespaltene Gesellschaft

Immerhin sind die Deutschen das wohl einzige Volk weltweit, das Charaktereigenschaften – das ist jener Teil des Verhaltens, den man selbst zu verantworten hat – den Himmelsrichtungen Ost und West zuordnet. Wer dieses Spiel mitspielt, outet sich übrigens als Ewiggestriger.

Andere Spaltungsprozesse sind bedenklicher: Ein Teil der Gesellschaft beschränkt seine Gedanken auf eine abgeschirmte, für simple Gemüter in sich schlüssige Parallelwelt aus Verschwörungstheorien, Esoterik, Fremdenfeindlichkeit und Wissenschaftsleugnung. Die zugrundeliegende Kombination aus Unwissen und Ablehnung von Wissen, das nicht in dieses Weltbild passt, macht den Dialog mit solchen Leuten fast unmöglich. Erst gestern bin ich im Zittauer Anzeiger darauf eingegangen, wie nötig es ist, persönliche Einstellungen zu diskutieren und sich selbst in den großen Trends unserer Zeit zu verorten. Doch das geht nur mit denjenigen, die ein Mindestmaß an Realitätssinn haben und in der Lage sind, auch mit Widersprüchlichkeiten zu leben. Anders gesagt: Wer spielt schon gern Schach mit jemandem, der gerade mal weiß, wie die Figuren gesetzt werden?

Arm und reich

Ein weiterer Spaltungsprozess betrifft arm gegen reich, der in Wirklichkeit oftmals nur eine Neiddebatte ist, die von jenen ausgenutzt wird, die vorgeben, "den Armen" zur Seite zu stehen. Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es Leute, die es im Leben schwer haben und wo Unterstützung angebracht ist. Allerdings wird hier die Messlatte oft so hoch gelegt, dass jeder Leistungswille bei den Betroffenen bis hin zum Verlust der Beschäftigungsfähigkeit erlischt. Infolgedessen kann es bei den sogenannten Leistungsträgern zu einem Lustverlust kommen kann – wer zahlt schon gern in Größenordnungen Steuern und Kassenbeiträge, wenn sich ein Teil der Gesellschaft aus eigener Kraft von Sozialleistungen abhängig macht? Steuerflucht und Abwanderung in private Vorsorgesysteme werden dadurch erst so richtig attraktiv.

Der Ruf nach "mehr wir und weniger ich" ist in der heutigen Gesellschaft mehr als berechtigt, allerdings: "Gerechtigkeit" und "Solidarität" schallt es immer nur von denjenigen, die sich benachteiligt fühlen. Dass sie dabei am eigenen Ast sägen, zeigt das Beispiel der Krankenversicherung. Wer als gesetzlich Versicherter dafür eintritt, das System der Privaten Krankenversicherung (PKV) abzuschaffen, sollte bedenken: Die PKV arbeitet kostendeckend, also ohne staatliche Zuschüsse, die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hingegen nicht, sie muss von allen Steuerzahlern – also auch durch die Privatversicherten – alimentiert werden. Mit Abschaffung der PKV würde der unrentable Teil der Krankenversicherung, der zudem in vielen Einzelfällen weniger Leistungen bietet, ausgeweitet, einfacher gesagt: Ein Betrieb mit Verlusten wird nicht dadurch wirtschaftlicher, indem er einen gesunden Betrieb übernimmt.

Tipp:
Wie man eine Gesellschaft spaltet kann man nachlesen beim US-Amerikaner Studs Terkel in "The Great Divide" (1988), einer Analyse der Reagan-Ära, auf Deutsch erschienen 1990 unter dem Titel “Arm und reich” bei Franz Schneekluth Verlag, München, ISBN 3-7951-1147-1.

Reiche Unternehmen? Das Beispiel Pharma und Biotech

Bleiben wir noch beim Reichtum. Etwa der Pharmabranche werden von Kritikern hohe Gewinne angekreidet, als ob das etwas Unanständiges sei. Dabei sind Gewinne doch nötig: Sie bestimmen das betriebliche Steueraufkommen und sind außerdem die Voraussetzung für Investitionen. Und das Risiko im Bereich Pharma und Biotech ist hoch – und auch infolge dessen die Gewinnaussichten. Dass etwa BioNTech im ersten Quartal 2020 53 Millionen Euro an Verlusten wegen Ausgaben für Forschung und Entwicklung verbuchen musste, interessierte kaum jemanden, doch der Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro im ersten Quartal 2021, der nach der aufwendigen, aber erfolgreichen Umstellung auf den Coronaimpfstoff eingefahren wurde, erregte verbreitet Argwohn (Zahlenquelle: tagesschau.de).

Übrigens leidet auch die Pharmabranche unter Fach- und Führungkräftemangel. Wer begibt sich schon gern in den Zielkonflikt zwischen oftmals relativ kleinen Produktionsmengen, extrem hohen Qualitätsanforderungen und Forderungen seitens der Politik und der Ersatzkassen nach niedrigen Kosten? Mit der Unternehmensberatung Beier Consulting waren wir als Führungskräfte- und Strategieentwickler auch im Pharmabereich unterwegs und wollten die dabei gewonnenen Erfahrungen in der BeierGroup-Sparte "Executive Search & Placement" verwerten – und mussten lernen, dass spezialisierte Anbieter aus dem Bereich Headhunter Pharma leistungsfähiger sind – und zwar deutlich.

Ländlicher Raum vs. Metropolregionen

Womit das nächste Spaltungsthema auf der Hand liegt, nämlich die Unterschiede zwischen dem ländlichen Raum und den Metropolregionen. Das hat weniger mit gleichwertigen Lebensbedingungen zu tun als mit den gewachsenen Rahmenbedingungen für Unternehmen. Dabei geht es nicht um jene Rahmenbedingungen, die Wirtschaftsförderer gern präsentieren, sondern um das bestehende Geflecht von Auftraggebern, Dienstleistern, Kooperationspartnern, Wissenschaft und Forschung. Das wird immer dann deutlich, wenn man als Berater Unternehmen in die Oberlausitz abwerben möchte. Argumente wie schöne Städte und Landschaften sowie Kultur sind unter diesen Umständen völlig egal.

Damit ist es im Grunde auch logisch, dass man als Anbieter mit Sitz im strukturschwachen Ostsachsen, der auch Kunden vor Ort haben möchte, eher Generalist sein muss, während in einem Ballungszentrum wie etwa München, das die Redaktion erst in der vergangenen Woche wieder besucht hat, die Potentiale für Spezialisten ganz anders aussehen: In dieser Metropolregion arbeiten 33.400 Beschäftigte in 373 Biotechnologie- und Pharmaunternehmen (Quelle: offizielles Stadtportal münchen.de), Tendenz rasant steigend. Die Folgen solcher Prosperität sind für den Einzelnen nicht unbedingt angenehm: Die Mieten in der Münchener City sind für Normalverdiener unerschwinglich geworden und wer den Umzug ins nahe Umland verpasst hat, wird auch dort auf der Suche nach einer halbwegs günstigen Wohnung nicht mehr fündig.

Und der Arbeitsmarkt?

Vor diesem Hintergrund müssen Fach- und Führungskräfte immer mehr Aufwand treiben, um an lukrative Arbeitsplätze zu gelangen; ohne einen wirklich professionellen Headhunter ist in manchen Bereichen nichts mehr auszurichten. Wer jetzt meint, das sei etwas, das ihn oder sie nicht beträfe, liefert gleich auch noch den Beweis auch für die Spaltung des Arbeitsmarktes.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 17.11.2021 - 17:51Uhr | Zuletzt geändert am 17.11.2021 - 18:53Uhr
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