Gedenken in Niederkaina

Gedenken in NiederkainaNiederkaina (Delnja Kina), 21. April 2019. Am 22. April 1945, wenige Tage nach der Eroberung durch die Rote Armee, waren in einer Scheune in Niederkaina Angehörige einer Volkssturmkompanie von Rotarmisten der 1. Ukrainischen Front verbrannt worden. Eine Gedenktafel erinnert an diese Gräueltat und die Stadt gedenkt jedes Jahr der Opfer.
Abbildung: Bürgermeister Dr. Robert Böhmer gedenkt der Opfer. Mit dabei die Ortschaftsräte (v.l.n.r.) Detlef Zint, Gunter Mittag und Undine Wowtscherk sowie (rechts im Bild) der Vorsitzende des Ortschaftsrates Norbert Haupt

Gerade mal drei Generationen ist das her

Gemeinsam mit Vertretern des Ortschaftsrates legte der Bautzener Bürgermeister Dr. Robert Böhmer am 21. April 2019, dem Vorabend des Ereignisses, zur Erinnerung ein Blumengebinde nieder. Er begrüßte es, dass man am Tag der Auferstehung an die Niederkainaer Frauen und Männer gedenkt, die hier in den letzten Kriegstagen ihr Leben verloren haben. Gleichzeitig bedankte er sich bei den Ortschaftsräten, dass sie durch die Pflege der Gedenkstelle dazu beitragen, dass die Erinnerung nicht verlischt. In diesen Tagen, in denen die Grenzen zwischen Gut und Böse zu verwischen scheinen, sei das besonders wichtig. Im Vorjahr war die Gedenktafel von Unbekannten zerschlagen woren.

Die Täter, die die Scheune kurz vor Kriegsende anzündeten, sollen Angehörige eines SMERSCH-Sonderkommandos (Смерть шпионам! Tod den Spionen!) gewesen seien. Die Opferzahl wird mit 196 angegeben, andere Quellen sprechen von ungefähr 300 Ermordeten.

Im Volkssturm – im Herbst 1944 als "Hitlers letztes Aufgebot" eingeführt – mussten Ältere, Jugendliche, Kriegsdienstverwendungsunfähige und sonst für Kriegszwecke Unabkömmliche ("u.k.") dienen und sollten in unsinnigen Abwehrkämpfen verheizt werden, um den Vormarsch der Roten Armee zu verlangsamen. Die Bewaffnung des Volkssturms war schlecht oder gar nicht vorhanden. Gerade die Teilnehmer des Ersten Weltkrieges waren kaum motiviert, nochmals in dem Kampf zu ziehen. Nur die Nachrichten über die von der Roten Armee verübten Gräuel, verstärkt durch die Nazipropaganda, konnten noch Kampfeswillen schüren. Militärische Wirkung hatte der Volkssturm allerdings fast nie erzielt.

Angemerkt werden muss, dass die deutschen Truppen in den Jahren zuvor in der Sowjetunion eine besonders grausame Kriegsführung praktizierten, die von zahllosen Gräueltaten begleitet war. Am gleichen Tag, als die Scheune in Niederkaina angezündet wurde, brachten deutsche Soldaten in Guttau / Hućina das Personal, alle Kranken und Verwundeten eines polnischen Feldlazaretts um.

Einzuordnen sind die Ereignisse in die erbittert geführte Schlacht um Bautzen, zu der es kam, als die großenteils kampfunerfahrene 2. Polnische Armee (Teil der Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion) unter General Świerczewski die südliche Flanke des am 16. April 1945 begonnenen Vorstoßes der 1. Ukrainische Front der Roten Armee unter Marschall Konew auf Berlin im Süden mit der "Operation Lausitz" flankieren sollte. Nach Anfangserfolgen, so der Einkesselung und teilweisen Besetzung der zur "Festung Bautzen" erklärten Spreestadt, wendete sich das Blatt: Die letzte große deutsche Panzeroffensive des Zweiten Weltkriegs brachte die Stadt nach tagelangen Häuserkämpfen - trotz deutlicher zahlenmäßiger Unterlegenheit - wieder in deutsche Hand.Die 2. Polnische Armee, deren Stab den Überblick verlor, erlitt schwerste Verluste, große Teile der polnischen Divisionen wurden vernichtet. Nur vom Westvorstoß abgezogene Sowjeteinheiten verhinderten deren vollständigen Untergang. Bautzen blieb bis zum Kriegsende in deutscher Hand.

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  • Quelle: red | Bildquelle: Stadtverwaltung Bautzen
  • Zuletzt geändert am 21.04.2019 - 13:51 Uhr
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