Von Nachbarn und Zäunen

Von Nachbarn und ZäunenBautzen / Budyšín, 10. Dezember 2020. Von Paul Dorfer.*) Als ich aufs Dorf zog, in den Achtzigern, gab es da keine Zäune, es gab sogar überhaupt keine Grundstückseinfriedungen, es sei denn, Tiere sollten an ausgelassenen Spaziergängen durch die Gärten der anderen Dorfbewohner gehindert werden. Die Häuser waren mindestens 80 oder 100 Meter voneinander entfernt, was eine hervorragende Voraussetzung für gutnachbarschaftliche Verhältnisse ist.

Abb.: Seit der Gerichtsverhandlung über den Knallerbsenstrauch bei Richterin Barbara Salesch ist dieser zum Symbol für Nachbarschaftsstreitigkeiten geworden

Foto: Marisa04, Pixabay License

Anzeige

Die Dörfer verändern sich – und die Bewohner auch

Die Dörfer verändern sich – und die Bewohner auch

Wenn sich das Dorf zum Vorort entwickelt, warum dann nicht gleich ins schöne Bautzen umziehen?

Foto: © BeierMedia.de

Thema: Ratgeber

Ratgeber

Guter Rat muss nicht teuer sein, kann aber teure Erfahrungen ersparen. Ratschläge und Tipps aus Wirtschaft, Finanzen, Heimwerken, Haushalt, Gesundheit und Ernährung, Erziehung und zum Verhalten.

Längst ist der Fortschritt eingezogen, die Bebauung wurde verdichtet, wie man das nennt. Klar wurde es dadurch billiger, als Trinkwasser- und Abwasserleitungen verlegt wurden und der Stromanschluss wie auch das Telefonkabel unter die Erde kamen, bevor die Straße sogar asphaltiert wurde. Allerdings stehen die Häuser nun keine 80 Meter mehr auseinander, sondern manchmal nur noch acht. Neue Wohngebiete haben sich wie Geschwüre in die gewachsene Dorfstruktur hineingefressen. Die Menschen, die aufs Dorf zogen, um der Enge ihrer Mietshäuser zu entrinnen, haben nicht nur ihre Gewohnheiten mitgebracht, sondern sich gleich wieder eine neue Enge geschaffen.

Und laut ist es geworden, entgegen aller Lärmschutz-Vorschriften, die früher gar nicht nötig waren: Wo man einst Tierbesitzer ansprach, damit sie ihre Schafe oder Pferde zum Abgrasen auf die Wiese stellen oder zur Sense griff, um Heu zu machen, scheinen heutzutage die Rasenmäherbesitzer großen Wert auf Soloauftritte zu legen. Folge: Einer mäht immer. Nur einer der neuen Nachbarn hält die alte Tradition hoch und mäht mit der Sense – leider ist es eine Motorsense. Wo einst die Astschere und für die dickeren Äste die Astsäge ausreichte, muss heute die Kettensäge ran, selbst für nur fingerdickes Gezweig.

Jedenfalls führt die dichte Bebauung auf Minigrundstücken zum ausgeprägten Drang, sich voneinander abzugrenzen, was ja verständlich ist. Die Beweggründe für einen Zaun oder einen mehr oder weniger massiven Sichtschutz sind höchst unterschiedlich: Manch einen verlangt es aus tiefstem Innern, sein Territorium – wie einst die Goldgräber ihre Claims – abzustecken. Ein anderer braucht einen Zaun, damit Bello nicht die Katzen der Nachbarn belästigt oder gar auffrisst. Es gibt auch Leute, die es sich im Gartensessel bequem machen und alles, was auf dem nachbarlichen Grundstück geschieht, wie eine Seifenoper im TV konsumieren. Spätestens dann reicht ein Zaun nicht mehr aus, sondern ein Sichtschutz muss her, was allerdings angesichts möglicher Windlasten in der sturmgeplagten Oberlausitz eine technische Herausforderung ist.

Auf Nummer sicher geht, wer eine Gambionenmauer setzt. So ein massiver Sichtschutz bringt den Vorteil mit sich, auch die vom Nachbargrundstück herüberschallenden Geräusche ein wenig zu dämpfen. Manche Leute führen ihre Gespräche ja quer über das ganze Grundstück und lieben es, den Nachfolger des Kofferradios, die Boom-Box, in Open-Air-Konzert-Lautstärke zu betreiben, wodurch für alle Anwohner eine gewisse Campingplatz-Atmosphäre entsteht. Nur mag eben nicht jeder Camping.

So manches kann man ja beim Gespräch über den Gartenzaun – hoffentlich gibt es einen – bereinigen, wenn man seine Wahrnehmung sehr höflich und zurückhaltend vorträgt. Ist die Nachbarschaft jedoch wenig sensibel und erkennt die Erwartungen in Hinsicht auf Rücksichtnahme nicht, dann wird es schwierig: Je deutlicher man wird, umso mehr steigt das Risiko für einen handfesten Nachbarschaftsstreit. Doch mit Nachbarn ist es noch schlimmer als mit der Verwandtschaft, denn ihnen kann man noch weniger ausweichen. Es hilft nichts: Oft ist es der beste Weg, die eigene Toleranzgrenze ein wenig höher zu legen. Das ist allemal erträglicher, als vielleicht über Jahrzehnte mit einer vergifteten Nachbarschaftsbeziehung leben zu müssen.

Mehr:
Die Alternative zum Landleben: Leben im familienfreundlichen Bautzen


*) Name auf Wunsch geändert

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Paul Dorfer (Name geändert) | Foto Strauch: Marisa04, Pixabay License
  • Erstellt am 10.12.2020 - 09:22Uhr | Zuletzt geändert am 10.12.2020 - 10:17Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige