Bautzen und der Modernismus in der Oberlausitz

Bautzen und der Modernismus in der OberlausitzBautzen / Budyšín, 29. August 2022. Von Tina Beier. Bautzen ist eine der schönen und weitgehend restaurierten Städte der Oberlausitz. Die lange Bautzener Geschichte spiegelt sich in einer großartigen Architektur, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Längst hat die Stadt an der Spree ihr Image als "Stadt der Gefängnisse" abgelegt, wird aber diesem Teil ihrer jüngeren Geschichte mit der "Gedenkstätte Bautzen" gerecht.

Abb.: In Bautzen liegen Geschichte und Moderne oft dicht beieinander, so wie hier an der Ecke der Nicolaipforte zur Schloßstraße mit Blick auf den Nicolaiturm

Foto: © BeierMedia.de

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Woher alles kam: die Sorben und ihre Vorfahren

Woher alles kam: die Sorben und ihre Vorfahren

Die Bautzener Mühlbastei ist um 1468 erreichtet worden und zeigt sich heute als gekonnte Symbiose zwischen Denkmalerhalt und moderner Nutzung als Wohnung und Herberge

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Erstmals wurde Bautzen im Jahre 1002 erwähnt. Hier hatten die Milzener/Milčenjo, die Vorfahren der Sorben, ihre Hauptburg angelegt. Noch heute ist Bautzen, sorbisch Budyšín genannt, die Hochburg der Sorben. Diese Minderheit mit eigener Sprache, Kultur, Flagge und Hymne lebt in der Oberlausitz und in Brandenburg. Zur Geschichte der Sorben kann man sich unter anderem auf der Webseite des Landkreises Bautzen informieren oder spielerisch mit "Krabat und das Geheimnis der Wendenkönigs" (Krabat a potajnstwo serbskeho krala). Dieses Spiel ist auf Google Play, im App Store und bei Microsoft in deutscher, sorbischer und englischer Sprache verfügbar. Es kann im ersten Kapitel kostenlos ausprobiert und – wer möchte – dann gegen eine kleine Gebühr vollständig freigeschaltet werden.

Viele Architekturstile – und eine von vier Villen

Barock, Renaissance, Jugendstil und auch die klassische Moderne, all das findet seinen Platz in Bautzen und anderen Oberlausitzer Städten wie Görlitz, Kamenz und Zittau. Ein Kleinod findet sich einen Katzensprung von Bautzen entfernt in der Stadt Löbau: Es handelt sich um das "Haus Schminke", das als eines der vier bedeutendsten Wohnhäuser der Klassischen Moderne weltweit gilt.

Für Neugierige: Die anderen drei Häuser sind das nach Plänen von Ludwig Mies van der Rohe in den Jahren 1929 und 1930 erbaute "Haus Tugendhat" in Brünn, die Villa Savoye in Poissy bei Paris von Le Corbusier und seinem vetter Pierre Jeanneret, erbaut von 1928 bis 1931, sowie das später Fallingwater genannte Kaufmann-Haus in der Nähe von Uniontown, Pennsylvania/USA, erbaut von 1935 bis 1937 nach den Plänen des Architekten Frank Lloyd Wright.

Das Haus Schminke in Löbau – Bauherr war der Nudelfabrikant Schminke, weswegen es im Volksmund völlig respektlos auch "Nudeldampfer" genannt wird – hatte der Architekt Hans Scharoun entworfen, Bauzeit waren die Jahre 1932 und 1933. Längst hat es sich eine "Stiftung Haus Schminke" zur Aufgabe gemacht, dieses bemerkenswerte Baudenkmal zu schützen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten.

Das Neue Bauen – eine architektonische Revolution deutet sich an

Die Stilrichtung des Neuen Bauens entstand nach dem Ersten Weltkrieg durch die Architekten und Künstler Hans Scharoun, Walter Gropius und Bruno Taut, der – nebenbei bemerkt – auch Fassadenentwürfe für Bautzen geschaffen hatte. Die drei Protagonisten korrespondierten untereinander und mit weiteren Kollegen in der Gruppe "Die gläserne Kette" in einem geheimen Briefwechsel und diskutierten über eine "Neue Sachlichkeit" in einer neuen Architektur.

Den Schwerpunkt ihrer Diskussionen legten die Architekten auf die Frage der sozialen, konstruktiven und stilistischen Ökonomie. Weitere wichtige Vertreter des Neuen Bauens waren Le Corbusier, Mies van der Rohe, Mendelsohn, Häring, Rietveld, Häsler, Luigi Nervi, Max Taut und Utzon. Aus dieser Gruppe entstand der Deutsche Werkbund als Grundlage für das spätere Bauhaus.

Das Bauhaus und die Moderne

Gegründet wurde das Bauhaus im Jahre 1919 von Walter Gropius als Hochschule für Gestaltung in Weimar. Ziel der Kunstschule war nicht allein das Umdenken in Richtung einer neuen Architektur, ihr Ziel war vielmehr das Verschmelzen aller Gewerke. Ob Handwerker oder Künstler, hier sollte es keine Unterschiede geben. Gropius legte dieses Konzept in seinem Manifest im Jahre 1919 fest.

Das bedeutete für die Kunstschule, dass viele Werkstätten für Designer, Architekten, Stadtplaner und Handwerker geschaffen werden sollten. Das Gesamtkonzept übertrug sich auch auf die Innenarchitektur. Der Bau und seine Ausstattung sollten die Bedürfnisse der Menschen erfüllen in ihrer Ästhetik, Funktionalität und Eignung für die kostensparende industrielle Produktion. Viele der ganz großen Künstler haben an diesem Konzept mitgearbeitet, das heute Gestaltern und Künstlern unterschiedlicher Genres Orientierung bietet.

Den Nazis war das Bauhaus ein Dorn im Auge

Von der Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, zog das Bauhaus 1925 nach Dessau, dem wichtigsten Bauhaus-Standort, um. Doch schon 1932 setzte die NSDAP, die 1931 die Kommunalwahl in Dessau gewonnen hatte, die Schließung des Bauhauses durch. Zunächst privat von Ludwig Mies van der Rohe in Berlin weitergeführt, musste das Bauhaus nach Repressionen der Nazis 1933 aufgeben. Ein kitschig-monströses Germania, zu dem Berlin umgebaut werden sollte, oder der kilometerlange Klotz für "Kraft durch Freude"-Urlauber in Prora auf Rügen wäre mit den Bauhaus-Prinzipien nicht vereinbar gewesen.

Durch das Wirken des Bauhauses und die Arbeiten seiner Schüler hat sich weltweit Grundlegendes in Kunst und Architektur verändert. Das konnten weder die Nationalsozialisten noch der Zweite Weltkrieg unterbinden, denn viele der Bauhaus-Künstler waren ins Ausland geflohen und hatten dort weitergearbeitet.

Die Grundsätze, Werte und Ziele des Bauhauses haben bis heute Bestand, sowohl in der Stadtplanung als auch bei der Einrichtung von Häusern und Wohnungen. Immer wieder ist festzustellen, dass viele sich dem Bauhaus Einrichtungsstil zuwenden, weil er seine hohe Funktionalität mit unaufgeregter Geradlinigkeit und zeitloser Sinnlichkeit verbindet. So gesehen haben Gestalter aus dem Norden Europas das Pulver wohl nicht erfunden, aber immerhin gut vermarktet.

Resümee

Die Oberlausitz jedoch macht besonders, dass hier viele bemerkenswerte Gebäude aller großen Architekturepochen erhalten geblieben sind. Wenn jedoch wie bei der "Vision Spreetor" in Bautzen Veränderungen an der historischen Bausubstanz diskutiert werden, dann zeigt sich, dass die Oberlausitzer nicht ohne Grund "Granitschädel" genannt werden.

Wie auch immer: Die historischen Städte im Osten Sachsens zu erkunden, ist für alle ein Genuss, die das Architektur- und Wohnstil-Gen in sich tragen.

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  • Quelle: Tina Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 29.08.2022 - 17:07Uhr | Zuletzt geändert am 29.08.2022 - 18:30Uhr
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