Risiken für den Oberlausitz-Tourismus

Risiken für den Oberlausitz-TourismusBautzen / Budyšín, 3. August 2020. Für Gastronomen, aber auch Hoteliers ist es der denkbar unangenehmste Gedanke: Die Türen sind weit geöffnet, das Personal steht Gewehr bei Fuß, der Fixkosten-Ticker läuft soundso – und keiner kommt. Nicht ohne Grund leisten die Wirtschaftsförderungen der Oberlausitzer Städte enormen und vor allem erfolgreichen Aufwand, um Anziehungskraft auf Touristen aus nah und fern zu entwickeln.

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Kontraproduktiv für Wirtschaft und Wohlstand

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Bautzen hat eine abwechslungsreiche und leistungsfähige Gastronomieszene. Die ist jedoch auf Touristen und Besucher der Stadt angewiesen

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Ganz aktuell sieht man auch in Bautzen gern, wie die Touristen die Stadt zurückerobern, geht es dabei doch auch um Arbeitsplätze und Lehrstellen. Doch was die einen mit viel Engagement und nicht geringem Geldeinsatz aufbauen, reißen andere – mit dem Hintern, würde der Volksmund sagen – wieder ein.

Noch immer ahnungslos?

So wird mit Verwunderung aus anderen Regionen Deutschlands auf die Oberlausitz geschaut, wo sich eine merkwürdige Melange aus neuen Rechten, Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern entwickelt hat, die sich einig sind, wenn es gegen “die da oben” geht. Videos vom "Safaripark an der B 96" verbreiten sich in den sozialen Netzwerken rasend schnell und signalisieren: Diese Region sollte man besser meiden.

Schon wird Bautzen selbst in Anlehnung an das australische down under als "brown under" gehandelt, so sehr sind stumpfsinnige und hochgradig naive Kräfte oder solche, die sehr wohl wissen, was sie tun, hier präsent. Zugleich ist das für die freiheitlich-demokratisch gesinnte Gesellschaft eine Herausforderung: Sucht man den Dialog, fühlen sie sich anerkannt und hofiert, nennt man sie beim Namen, wird man den Ängsten vieler nicht gerecht und sie fühlen sich in ihren abstrusen Ansichten noch bestärkt. Dreißig Jahre nach der Implosion der “DDR” gibt es für Ahnungslose allerdings keine Ausreden mehr.

Bewertung als Marketingmethode?

Doch noch etwas, was seine Wurzeln oft genug im knallharten wirtschaftlichen Wettbewerb hat, schreckt Touristen ab: negative Bewertungen im Internet. Da helfen Wettbewerber schon einmal nach, um auf diversen Portalen für sich eine gute Bewertung oder einen positiven Erfahrungsbericht zu erhalten – und sorgen vielleicht auch dafür, dass Wettbewerber das Gegenteil abbekommen. Wer geht schon in eine Gaststätte, von der behauptet wurde, die Bedienung sei langsam und unfreundlich, das Essen fad und Wein und Bier zu warm?

Wenn man Gerüchten glauben darf, dann sind solche gezielten Negativ-Bewertungen kein Einzelfall, sondern es werden sogar Agenturen beauftragt, die den dreckigen Job erledigen. Zum Glück ist das nicht Usus, doch ist der Schaden bereits enorm, wenn ein – warum auch immer – verärgerter Gast seinem Groll im Internet öffentlich Luft verschafft. Jeder hat mal einen schlechten Tag, trifft das aber bei Dienstleister und Gast zusammen, dann neigt der Letztgenannte zu maßlosen Übertreibungen. "Hintergrund ist, dass das Hirn zentriert, positive Erfahrungen suchen ebenso wie negative nach Bestätigung", erklärt dazu der Unternehmensberater Thomas Beier, “Hat ein Gast also eine schlechte Erfahrung gemacht, sucht er quasi automatisch nach weiteren zu kritisierenden Punkten. Alles, was er findet und im Normalfall tolerieren oder vielleicht sogar gut finden würde, fasst er dann zu einer vollen Breitseite gegen den Dienstleister zusammen."

Für Anbieter in Branchen, in denen sich mögliche Kunden gern vorab im Internet informieren, ist das ein großes Problem. Verteidigt man sich gegen eine ungerechtfertigte Kritik oder eine schlechte Bewertung, führt das schnell zu einer "Verschlimmbesserung" oder – auch hier sei nochmals der Volksmund zitiert – zur Wahrnehmung "getroffene Hunde bellen". Praktisch heißt das, Anbieter haben kaum eine Möglichkeit, eine ungerechtfertigte Kritik aus der Welt zu schaffen, im Gegenteil: Es bleibt immer etwas hängen.

Deshalb ist es oft der beste Weg, eine ungerechtfertigte Beanstandung möglichst schnell aus dem Internet entfernen zu lassen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Suchmaschine Google zu. Doch wer eine Google Rezension löschen lassen will, hat es nicht unbedingt einfach: Der Hinweis von Google, sich der Kritik sachlich anzunehmen, führt schnell zur genannten Verschlimmbesserung. Anwälte empfehlen, auf ganz offensichtlich unbegründete geschäftsschädigende Bewertungen und Rezensionen gar nicht erst einzugehen, sondern diese zu dokumentieren und sich rechtlich beraten zu lassen. Das sollte man bereits dann tun, wenn etwa eine anonyme Person auf einer Positiv-Skala von Eins bis Fünf ohne jede weitere Begründung nur einen Punkt vergibt, was einer sehr schlechten Bewertung gleichkommt.

Für die Oberlausitz

Die Oberlausitz ist eine lebens-und liebenswerte Region, nicht nur wegen ihrer Naturschönheiten von der flachen Heide- und Teichlandschaft über das Hügelland bis hin zu den Mittelgebirgen wie den Königshainer Bergen und dem Zittauer Gebirge. Vor allem sind es die Menschen, neben den Sorben oft die Nachfahren der fränkischen Siedler, die das Land einst kolonisierten, die das Image der Region bestimmen. Die Dreiländerregion, früher wie heute geprägt von Slawen und Deutschen, könnte eine erstklassige Tourismusdestination sein – wenn alle mitziehen.

Dazu müssen sich aber die Oberlausitzer vor allem selbst darum bemühen, sympathisch wahrgenommen zu werden – mit Werbung allein ist das nicht zu bewerkstelligen.

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  • Quelle: red | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 03.08.2020 - 14:36Uhr | Zuletzt geändert am 03.08.2020 - 16:00Uhr
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