Vom Drehen und Drechseln

Vom Drehen und DrechselnBautzen / Budyšín, 21. Januar 2022. Von Thomas Beier. Kinder, wie die Zeit vergeht! Wer etwa so vor 40 oder 50 Jahren einen Metallberuf erlernt hat, staunt wahrscheinlich Bauklötzer, wenn er heute ein modernes Fertigungsunternehmen besucht.

Abb.: Der mit Tropfölern und Backenfutter nachgerüstete Spindelstock der früheren Drückbank in der T&T Beier Artworx Kunstwerkstatt & Atelier stammt aus Familienbesitz und dürfte ca. 120 bis 140 Jahre alt sein

Foto: © BeierMedia.de

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Zerspanungsfacharbeiter oder Zerspanungsmechaniker? Ist doch egal

Wie sah früher im Osten eine Abteilung aus, die sich "Dreherei" nannte? Ich erinnere mich an Drehmaschinen aus dem Moskauer Werkzeugmaschinenwerk “Roter Proletarier”, benannt nach A. I. Jewremow. Das waren oft ganz normale Leit- und Zugspindeldrehmaschinen recht massiver Bauart wie etwa die 16K20, die in modernisierter Ausführung später in Gomel gebaut wurde. Bedient wurden die Maschinen von Leuten, die den ehrenvollen Beruf des Zerspanungsfacharbeiters erlernt hatten und liebevoll "die Spanis" genannt wurden. Ab 1985 hieß der Beruf übrigens "Facharbeiter für Werkzeugmaschinen".

In der alten Bundesrepublik waren das die Zerspanungsmechaniker. Ist das ein Problem? Wohl schon, denn die Arbeitsagentur fühlt sich in der Vorstellung des Ost-Berufsbildes zu einem Hinweis bemüßigt: "Diese Zuordnung beruht auf berufskundlichen Untersuchungen. Rechtliche Konsequenzen hinsichtlich der Gleichstellung des Ausgangsberufs mit den hier genannten Berufen der Bundesrepublik Deutschland lassen sich daraus nicht ableiten." Eigentlich logisch, denn im damaligen Westen dürfte kaum jemand mit einem Erzeugnis der "Roten Proletarier" Bekanntschaft gemacht haben.

CNC-Technik sorgt für hohe Produktivität und konstante Qualität

Während die Maschinen damals noch von Hand eingerichtet und bedient wurden, hat sich das nach der Einführung der NC- und vor allem dem Durchbruch der CNC-Technik in den 1970er Jahren gründlich geändert. CNC steht für "Computer Numeric Control". Solche Maschinen können unter anderem Drehteile nicht nur nach einem Programm, das heute nach dem Computer Aided Design (CAD) unmittelbar aus der Fertigungszeichnung abgeleitet wird, bearbeiten, sondern sich längst auch selbstständig korrigieren, etwa den Werkzeugverschleiß erkennen, ausgleichen und gegebenenfalls das Werkzeug selbsttätig wechseln.

Bezahlt macht sich das natürlich in der Serienfertigung. Wenn heutzutage etwa für den Maschinenbau Drehteile benötigt werden, sind mit einem CNC Machinenpark ausgestattete spezialisierte Zulieferer schnell sowie hochproduktiv und hochqualitativ in der Lage, entsprechenden Anfragen nachzukommen.

Drehen, Drechseln, Fräsen, Hobeln – wo liegt der Unterschied?

Dreht sich das Werkstück und wird von einem Drehmeißel zerspant, der die Vorschubbewegung ausführt, dann spricht man vom Drehen. Genau umgekehrt ist das beim Fräsen: Hier ist das Werkzeug festgespannt und das Werkzeug, der Fräser, rotiert.

Auch beim Hobeln ist das Werkstück fixiert, nur führt der Hobelmeißel eine geradlinige Bewegung aus, zu der das Werkstück als Vorschub schrittweise seitlich bewegt wird, so dass der Meißel immer wieder einen Span abschneiden kann. Für sehr große Werkstücke gibt es Maschinen, bei denen das Werkstück zwecks Zerspanung hin und her bewegt wird, während der Hobelmeißel den seitlichen Vorschub ausführt.

Von Drechseln spricht man, wenn beim Drehen der Werkstoff Holz oder etwa Elfenbein ist. Unterschieden wird das Automatendrechseln mit eingespannten Meißeln und das Handdrechseln, bei dem der Meißel – dann meist Drechseleisen genannt – von Hand geführt wird. Die Drechselei ist ein alter Beruf, wohl seit 3.500 Jahren wird gedrechselt. Zunächst wurden die Werkstücke durch einen Fidelbogen oder durch eine Wippe angetrieben. Allerdings sind die Berufsbilder des handwerklichen Drechslers wie auch des Kunstdrechslers heute selten geworden, so etwa, wie es im Grunde manche Industrie nicht mehr gibt.

Die heute in der T&T Beier Artworx Kunstwerkstatt & Atelier als Drechselbank genutzte Maschine verfügt über eine noch immer funktionsfähige Tretwippe, die über ein großes Keilriemenrad die Maschinenspindel antreiben kann – allerdings wird diese Aufgabe inzwischen von einem nachgerüsteten Elektromotor übernommen.

Metalldrückerei, ein selten gewordenes Handwerk

Ursprünglich handelt es sich dabei um eine Drückbank, auf der einst Wasserkessel, Töpfe und zum Beispiel Aschenbecher aus Aluminium und Kupfer von Hand gedrückt wurden. Ausgangsmaterial waren runde Blechscheiben, Ronden genannt, die in Drehung versetzt wurden und mit viel Krafteinsatz auf Drückfutter gedrückt wurden. Sollten Behälter hergestellt werden, die sich nach oben verjüngen, wurden Teilfutter verwendet, die man nach dem Arbeitsgang aus dem fertigen Teil in Einzelteilen entnehmen konnte.

Wer sich noch an die "TS 66"-Tischschleudern aus dem Waschgerätewerk Schwarzenberg erinnert: Deren Wäschetrommeln wurden durch Freiformdrücken – also ohne Drückfutter – automatisch hergestellt, was in den 1970er Jahren eine technologische Meisterleistung war.

Tipp:
Antiquarisch gut verfügbar ist das Buch “Der Drechsler” von den Ingenieuren Steinert und Hegewald, erschienen in erster Auflage 1977 im VEB Fachbuchverlag Leipzig, insgesamt erschienen mindestens sieben Auflagen.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 21.01.2022 - 19:06Uhr | Zuletzt geändert am 21.01.2022 - 21:17Uhr
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