Vorankommen im Beruf: Angestellt oder auf eigene Rechnung?

Vorankommen im Beruf: Angestellt oder auf eigene Rechnung?Bautzen / Budyšín, 12. Juli 2022. Am 1. und 2. Oktober 2022 locken die O.K. Oberlausitzer Karrieretage bei freiem Eintritt in den Messepark Löbau. Für Wechselinteressierte, Ausbildungswillige, Berufseinsteiger und sicherlich auch Gründungsinteressierte ist die Veranstaltung eine Fundgrube für Kontakte und Anregungen – verpassen sollte man das keinesfalls. Der Bautzner Anzeiger hat beim Thema Unternehmensgründung genauer hingeschaut.

Abb.: Los geht's , aber bitte gut vorbeitet – die Oberlausitzer Karrieretage sind die wichtigste Jobmesse der Region
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Neue Regeln für den unternehmerischen Erfolg?

Berufliche Selbständigkeit ist nach wie vor eine attraktive Option zur Anstellung, aber nur für den, der die damit verbundenen Herausforderungen und Risiken bereit ist anzunehmen. Zu den Herausforderungen und Risiken gehört die Bereitschaft, den Preis des Scheiterns zu zahlen – nicht jeder hat das unverwüstlich-goldige Gemüt, mit dem Alexis Sorbas, im gleichnamigen Film gespielt von Anthony Quinn, den Einsturz der von ihm gebauten Seilbahn für Baumstämme kommentierte: "He Boss, hast du jemals erlebt, das etwas so bildschön zusammenkracht?"

So ein Zusammenbruch ist nicht selten. Mancher unbedarfte angehende Geschäftsmann oder sein weibliches Pendant glauben, mit schönen Präsentationen einfach nur Investorengelder einsammeln zu müssen, um damit ein skalierbares Geschäft aufzubauen. Skalierbar heißt, mit relativ geringen Zusatzinvestitionen immer mehr Kunden bedienen zu können. Erst vor wenigen Tagen machte die Pleite der Bundeskanzler-Neffen die Runde, bei der selbst Investoren staunten, wie rasant man ein Unternehmen in den Sand setzen und Geld verbrennen kann.

Fakt ist: Oftmals werden die Weichen für den Weg in die berufliche Selbständigkeit von Beginn an falsch gestellt. Wo liegen typische Fallstricke?

Die Mär von der Geschäftsidee

"Bereits an dieser Stelle werden viele Existenzgründungswillige ins Bockshorn gejagt", sagt dazu der in Unternehmensgründungen erfahrene Berater Thomas Beier. Ganz abgesehen von verquasten "unternehmerischen Visionen" müsse selbst, wer mit einer auf den ersten Blick vermeintlich guten Idee starte, lernen, dass sich die Marktpartner bis hin zu den Kunden nicht rational verhalten.

Vor allem die Suche nach der "Marktlücke" sei vertaner Aufwand: Ist sie erst einmal besetzt, finden sich schnell Nachahmer, oft mit großer Marktmacht – und schon ist die Lücke keine mehr. Interessanter sei es nach Beier, sich an anderen Merkmalen und Standortvorteilen zu orientieren: Konstante Nachfrage etwa oder möglichst viel Wettbewerb. "Wo viele Wettbewerber existieren, gibt es auch viele Kunden, die – was logisch ist – gewohnt sind, eine bestimmte Leistung in Anspruch zu nehmen. Solche Kunden auf sich umzulenken ist viel einfach, als in einer Marktlücke, die meist nicht ohne Grund besteht, neue Kunden aufzubauen", erläutert Beier dazu.

Erfolg durch Kostenoptimierung?

Die meisten Unternehmenskonzepte, die Beier in seinen nahezu 30 Jahren Berufserfahrung zu sehen bekommen hat, beschäftigen sich sehr detailliert mit den zu erwartenden Kosten und wie diese gering gehalten werden können. “Was regelmäßig viel zu kurz kommt sind Vorstellungen davon, warum Kunden genau bei diesem Anbieter freiwillig Geld für dessen Angebote ausgeben sollten”, hat Beier festgestellt. Das habe viel mit Servicepsychologie und damit Kundenpsychologie zu tun. Er rät dringend, alle Kraft auf Strategien zum Generieren von Umsätzen und dabei hohen Deckungsbeiträgen zu konzentrieren.

Erst wenn die Deckungsbeiträge größer als die Fixkosten sind, entstehe der notwendige und die unternehmerische Existenzberechtigung gebende Gewinn. Außerdem: Erst wenn ausreichende Umsätze – Beier spricht von einer “kritischen Schwelle”, die binnen einer definierten Zeit überschritten werden müsse – realisiert werden, mache die Kostenoptimierung Sinn – aber nicht um jeden Preis, wie Beier weiter erläutert.

Unternehmerisches Potential erkaufen

Bestimmte, eigentlich vermeidbare Kosten können nämlich sehr sinnvoll sein, wenn sie von Bürokratie und Routinearbeit entlasten und so noch mehr Konzentration auf das Geschäft und die Einnahmenseite erlauben. Kaum ein nennenswertes Unternehmen lässt sich darauf ein, seine Steuererklärung selbst zu erstellen; mit der Beauftragung eines Steuerberaters erkauft sich der Unternehmer so gesehen Leistungszeit und ein großes Stück Rechtssicherheit gegenüber dem Finanzamt, weil eventuelle Kontrollen, die sich aus nicht schlüssigen Steuererklärungen ergeben können, vermieden werden.

Ebenso wird die Klärung rechtlicher Fragen gewöhnlich an einen Rechtsanwalt vergeben und die relativ komplizierte Gehaltsabrechnung übernimmt ein Lohnbüro, das entsprechend spezialisiert ist und über die nötige Software verfügt. Hierhin kann man für vergleichsweise wenig Geld den Aufwand für die Gehaltsabrechnung auslagern und dadurch zugleich Fehler vermeiden. Gerade systematische Fehler oder solche bei den Sozialabgaben können enorme Folgen nach sich ziehen.

Worauf es ankommt

Wer den geschäftlichen Einstieg sucht, sollte – aber nicht nur – an den Nutzen der Kunden denken. Ebenso wichtig ist es nämlich, an den Nutzen der Wettbewerber, Lieferanten und Dienstleister zu denken. "Was in manchen Ohren ungewohnt klingt, folgt tatsächlich einer ungewöhnlichen Überlegung", erläutert Beier, "die darauf hinausläuft: Geht es meinem gesamten unternehmerischen Umfeld gut, dann kann ich gar nicht verhindern, dass es auch mir selbst gutgeht."

Anders gesagt: Wenn Unternehmer Entscheidungen ohne jede Rücksicht auf betroffene Lieferanten, Wettbewerber und Kunden treffen, steigern sie bei diesen nicht gerade ihre Beliebtheit.

Mehr:
Görlitzer Anzeiger vom 29. Juni 2022: Oberlausitzer Karrieretage ausgebucht: Eintritt frei!

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  • Quelle: red | Foto: Tumisu, Pixabay License
  • Erstellt am 12.07.2022 - 16:00Uhr | Zuletzt geändert am 12.07.2022 - 21:27Uhr
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